Big Brother für Geldbeschaffer

Es ist echt Hartmann: Sich tagelang in einen Container einsperren zu lassen und so manchen fetzigen Rocksong oder Lautenschlager über sich ergehen zu lassen, und das alles vor laufenden Kameras und bei offenen Mikrofonen… Nein, ich meine nicht Big Brother. Die Rede ist von «Jeder Rappen zählt» oder kurz JRZ.

Jeder Rappen zählt. Eine äusserst erfolgreiche Aktion ist derzeit wieder in aller Munde! Das geht soweit, dass sie in unserer föderalistischen Schweiz allenthalben kopiert oder zumindest nachgeahmt wird. Die Jobs-iÜnger missionieren mit «Jeder Apple zählt», die Walliser Kiffer skandieren «Jeder Rappaz zählt». Und im Tessin herrscht sowieso immer die Devise «Jeder Grappa zählt». Es jubelt dieser Tage auch die Polizei, die reihenweise besoffene Autofahrer aus dem Verkehr zieht, welche zu doof sind, sich von Nez rouge nach Hause chauffieren zu  lassen: «Jeder Lappen zählt!» Der grosse Unterschied all dieser Gruppierungen zu JRZ: Ihnen steht kein mediales Grossaufgebot zur Verfügung.

Für einen guten Zweck Geld zu sammeln ist ja an sich nichts Verwerfliches. Die Art und Weise, wie das bei JRZ passiert, geht mir aber gegen den Strich. Das Konglomerat aus DRS3 und SFzwei feuert wieder sieben Tage lang eine mediale Breitseite in Richtung unserer Portemonnaies mit dem Ziel, der Glückskette ein hübsches Sümmchen ins Kässeli zu spülen. Das Sammlungsmotto «Für Mütter in Not» in Ehren, aber heisst das nun, dass in den nächsten Jahren dann nacheinander Väter, Töchter, Söhne, Omis, Opas, Onkels, Tanten, Brüder, Schwestern, Gotten und Göttis in Not profitieren werden? Dann werden wir ja JRZ noch ein paar Mal über uns ergehen lassen müssen. Ok, immerhin ist für einmal die Allzweckwaffe Epiney nicht mit an Bord.

Trotzdem frage ich mich: Ist es richtig, dass unsere gebührenfinanzierten Sender diesen Aufwand betreiben, um eine Sammlung zu pushen, deren Ertrag mehrheitlich ins Ausland abfliessen wird? Gäbe es in unserem Land nicht genügend unterstützungswürdige Projekte, genügend Menschen (nicht nur Mütter) in Not, die gerade in dieser Zeit froh um einen finanziellen Zustupf wären und welche die Redewendung «jeder Rappen zählt» aus eigener Erfahrung leider nur zu gut kennen?

Abgesehen davon: Sehr originell ist die Sammelaktion ja nicht. Ich behaupte, dass jedes halbwegs vernünftige karitative Projekt, welches eine solche Medienpräsenz, um nicht zu sagen einen künstlichen Medienhype zur Verfügung gestellt bekommt, mindestens ähnliche Beträge sammeln würde. Was an JRZ so toll sein soll, dass es sogar einen Marketingpreis erhält, ist mir echt schleierhaft.

Ich bin überzeugt, dass andere karitative Organisationen darunter leiden, dass JRZ diese Gelder im grossen Stil abschöpft. Deshalb bin ich überzeugter Nicht-Spender für JRZ. Ich erlaube mir aber, hier auf eine karitative Organisation (ZEWO-zertifiziert) hinzuweisen, die meinen und vielleicht auch den Spendenfranken meiner Leser verdient.

Der Schweizerische Samariterbund. Auch die rund 30‘000 Mitglieder der Schweizer Samaritervereine sind Sammler. Sie sammeln in vielen Blutspendeaktionen rund die Hälfte des in der Schweiz verfügbaren Blutes. Und sie sammeln in regelmässigen Übungen Erfahrungen, um im Notfall professionell Erste Hilfe zu leisten. Auf 260 Schweizer EinwohnerInnen kommt ein derart gut ausgebildeter Samariter – irgendwie beruhigend zu wissen. Zudem geben die Samariter ihr Wissen auch an Kursbesucher weiter, die sich beispielsweise im Nothelferkurs oder in spezifischen Ersthelferkursen (Notfälle im Sport für Kleinkinder, bei Herznotfall usw.) ausbilden lassen. Auch die Samariter sind auf Spenden angewiesen. Und auch hier zählt jeder Rappen:

Schweizerischer Samariterbund, 4601 Olten, Postkonto 46-4110-0

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2 Antworten zu Big Brother für Geldbeschaffer

  1. Goggi schreibt:

    Das Modell war im ersten Jahr spannend, seither hat es natürlich an Reiz verloren. Die Quasi-Herabstufung von Bern nach Luzern ist ein weiterer Hinweis, dass man wohl noch langjährige Verträge zu erfüllen hat. Am meisten stosse ich mich aber am Thema „Mütter in Not“. Es schliesst sozusagen Väter von der Not aus. Schweizer Väter werden auf die Stufe der Kriegsvergewaltiger gestelt, wegen denen internationale Mütter überhaupt erst in Not geraten sind. Ich fühle mich als von meinem Sohn getrennt leben müssender Vater ziemlich brüskiert von der Sammelwut, denn die horrenden Alimentzahlungen stehen in keinem Vergleich zu gleichwertigem Vatersein dürfen. Mehr noch: weil ich die Alimente nicht mehr bezahlen kann werde ich auch noch kriminalisiert.

    So viel Fingerspitzengefühl erwarte ich von JRZ, DRS, SRG und welche Abkürzungen da noch mitmachen. Ständig wird Gleichberechtigung gefordert für gleiche Löhne, gleiche Karrierechancen usw. Männer kämpfen für gleiche Rechte beim Vatersein. Die Sammelaktion für Mütter in Not mutet da schon fast mittelalterlich an.

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    • Miss Understood schreibt:

      *nickt* – obwohl selber Frau und erst noch „fast“ kinderlos – bin ich genau der Meinung – vor allem unschuldig geschiedene Väter werden sehr stiefväterlich behandelt (es wäre ja direkt lächerlich stiefmütterlich in dem Zusammenhang zu verwenden) und ins Ausland spende ich schon mal gar nicht, so lange hier Menschen Not leiden und dies vertuscht resp. Pseudo-Notleidenden in den Arsch geschoben wird anstatt den Staatsangehörigen.

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